Sylvain Coiplet

 

Ausländer zu sein ...

Aufgewachsen bin ich in Frankreich - aber wohl nur mit dem Zweck, eines Tages Ausländer zu sein.

Früh habe ich mich für das Besondere der verschiedenen Mythologien und Religionen begeistert. Ich bin nie auf die Idee gekommen, sie gegeneinander auszuspielen oder auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu wollen. Ihre Götter habe ich ihnen einfach abgenommen. Und mir war klar, daß trotz der scheinbaren Entsprechung Zeus und Odin nicht dasselbe sind. Ich hätte aber gern eine Wissenschaft gefunden, die sie ernst nimmt, statt sie für Projektionen zu halten.

Mit 15 brachte mich diese Suche auf Rudolf Steiner. Mir gefiel, wie er ältere Kulturen von innen heraus beschreibt, wie jeder Mensch sie durchmacht, um von Leben zu Leben weiter zu kommen. Ich konnte jetzt verstehen, warum mir diese Geschichten gar nicht so unbekannt vorgekommen waren. Aber auch die heutigen Völker ging er so an, daß sie genauso spannend wurden wie alte Kulturen.

Als ich mit 19 nach Deutschland auswanderte, um Steiner im Original studieren zu können, entdeckte ich darin auch Kritik an Tibeter, Schwarzen, Juden - und nicht zuletzt Franzosen. Ich wäre aber unehrlich gewesen, wenn ich mir nicht gestanden hätte, daß er mit den Deutschen noch härter umging. Mit Voreingenommenheit hatte es also nicht zu tun. Warum aber nicht beim Positiven bleiben? Ich identifizierte mich gerne mit fremden Kulturen, um mich völlig in sie hineinversetzen zu können. Ich nahm ihre Farben wie ein Kameleon auf. Was sollte nun dieses Rumnörgeln?

Mit dieser Kritik konnte ich erst etwas anfangen, als mir klar wurde, daß Steiner den einzelnen Menschen nicht mit einer Kultur identifizierte. Dafür hatte der Einzelne durch seine vielen Reinkarnationen einfach zu viele Kulturen durchgemacht, war in sich vielfältiger geworden. Für ihn bestand also heute die Aufgabe darin, über diese Kulturen hinauszuwachsen und nur das jeweils Beste daraus zu holen, selber zur Einzelkultur zu werden. Sich bei jeder Geste hinterfragen, ob man selber handelt, oder gehandelt wird.

Damit entdeckte ich die moderne Seite von Steiner, seine Forderung nach einer unbeschränkten Freiheit des Einzelnen in religiösen, kulturellen und nicht zuletzt pädagogischen Fragen. Ich kann nicht stolz sein, ein Franzose oder ein Deutscher zu sein. Ich kann höchstens stolz darauf sein, wenn es mir wirklich gelingt, überall ein Ausländer zu sein.

Mensch zu sein ...

Bei Steiner ist dieser Individualismus gepaart mit seinem Einsatz für eine Ökonomie, die nicht nur den eigenen Vorteil sieht, sondern auch auf die Bedürnisse der anderen Menschen achtet. Mir konnte es nur sympathisch sein, aber auch hier hatte ich zu schlucken.

Als Jugendlicher war mir klar gewesen, daß die Multis die Dritte-Welt ausbeuten und nur durch eine Erstarkung des Staates in ihre Schranken gewiesen werden können. Ich lebte mich in die halbsozialistische Gedankenwelt ein, die jetzt in die Attac-Bewegung eingemündet ist. Steiner ist aber mit seinem Ansatz einer sozialen Dreigliederung um einiges differenzierter - und auch radikaler. Der Kampf gegen die Ökonomisierung der Welt läßt sich für ihn nur gewinnen, wenn das Kulturelle umfassend und bis zu seinen Quellen in den Lehrplänen entstaatlicht wird. Sonst führt die geistige Armut doch immer wieder zu einer Reduzierung des Menschen auf die eigenen wirtschaftlichen Interessen, zu diesem Egoismus, der heute die Ökonomie bestimmt.

Ich bin verheiratet und wir haben zwei Kinder, die mich zu wenig sehen.

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